Direkt zum Hauptbereich

Luthers Laute klingt besinnlich

Händel Festspiele sind mit Renaissance-Musik zu Gast in Walkenried

Selbst die Händel Festspiele kommen in diesem Jahr nicht an Luther vorbei. Zum Reformationsjahr brachten Franz Vitzthum und Julian Behr die Musik des 15. und 16. Jahrhunderts mit ins Kloster Walkenried. Im Kapitelsaal sangen und spielten sie Werke von Luther, von Zeitgenossen und Weggefährten.

Dank der Moderation von Franz Vitzthum konnte das Publikum die Stücke auch in den historischen Kontext stellen. Den Menschen eine Vorstellung davon geben, welche Musik im Hause Luther gespielt wurde, dies sei der eigene Anspruch, erklärt der Countertenor zu Beginn. Schließlich war der Reformator auch ein begeisterter Musiker. Das gesungene Wort war für ihn zudem ein wichtiges Transportmittel des Glaubens und die Laute das Instrument der damaligen Hausmusik.

Julian Behr blätter schon einmal. Alle Fotos: tok
Neben Luther taucht im Programm immer wieder der Name Hans Neusiedler auf. Der Mann aus Nürnberg gilt als der beste Arrangeur seiner Zeit im deutschsprachigen Raum. Mit Luther verband ihn eine Seelenverwandtschaft. Die Innerlichkeit und das persönliche Verhältnis zu christlichen Glaubenssätzen steht auch bei Neusiedler im Zentrum. Das Gewicht liegt auf dem Individuum und somit ist er eindeutig ein Kind der Renaissance.

Mit dem Lauten Solo „Ein sehr guter Organistischer Preambel“ liefert Julian Behr einen besinnlichen Einstieg. Musiker und dann auch Publikum scheinen in der Musik zu versinken. Damit ist die Spur für diesen Abend vorgegeben.

Da wirkt Luthers „Das Patrem zu deutsch – Wir glauben all an einen Gott“ als Kontrast. Himmelhoch jauchzend klingt es, doch der lyrische Countertenor Vitzthum nimmt dem Werk die Spitze. Den Vortrag beginnt er in der Sakristei und trotzdem bringt er deutlich durch. Das ist nicht nur ein kleiner Showeffekt, es zeigt zudem, wie viel Volumen in seiner Stimme steckt.

Mit den folgenden musikalischen Vergleichen machen Behr und Vitzthum den Geist jener Zeit deutlich. Dem „Non moriar, sed vivam“ des Renaissancler Ludwig Senfl stellen sie die Version des Gegenwartskünstler Raitis Grigalis gegenüber. Das „Mille regretz“ von Josquin de Prez muss sich mit Neusiedlers Version vergleichen.

Vitzthum ist ganz versunken.
Behr und Vitzthum verzichten auf die zeitgenössische Vielstimmigkeit. Sie entfernen schmückendes Beiwerk und reduzieren die Musik auf Laute und Countertenor und bewirken damit die Konzentration auf die Inhalte. Das ist sicherlich im Geiste Luthers.

Aber Luther ist nicht nur Innerlichkeit sondern auch ganz weltlich. Mit dessen „Sie ist mir lieb, die werte Magd“ kommt eine neue Qualität in den Abend. Es wird lebhaft und deutet zumindest an, dass es Luther war, der Satz vom verzagten Arsch und dem fröhlichen Furz prägte. Vor der Pause steigert sich das Programm dann sogar  zum rhythmusbetonten „Nun treiben wir den Babst hinaus“.

Innerlichkeit und das persönliche Verhältnis zu den Glaubenssätzen sind keine deutsches Monopol. Das zeigt der zweite Teil des Abends. Mit Goudimel und Ravencroft tauchen zwei Komponisten im Programm auf, die an der Schwelle zu Frühbarock stehen. Behr und Vitzthum spanne damit den europäischen Bogen. Der historische Kontext wird deutlich und der blick des Publikums erweitert sich auf unterhaltsame Weise.

Es ist sicherlich ein Wagnis, mit den Händel Festspielen aus Göttingen herauszugehen und dann auch gleich noch ein Programm zu präsentieren, dass abseits des barocken Mainstream liegt. Es hat sich gelohnt






Händel Festspiele Göttingen #1: Die Website
Händel Festspiele Göttingen #2: Lautenkonzert mit Hille Perl 2015

Kreuzgangkonzerte #1: Das Programm



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Dieter Nuhr offenbart sich als Menschenfreund in Vollzeit

In Goslar zeigt er Werke, die Distanz schaffen Seit dem Auftritt von Christo hat keine Werkschau in Goslar solch ein Aufsehen erregt. Dieter Nuhr stellt dort aus unter dem Titel „Du denkst an durchfahrene Länder“. Es geht um Menschen und Landschaft, denen der Mann vom Niederrhein auf seinen Reisen um die Welt begegnet ist.  Zur Vernissage am 21. Juli war der Garten im Mönchehaus Museum bis auf den wirklich allerletzten Platz belegt. Direktorin Bettina Ruhrberg und Dieter Nuhr machten im Einführungsgespräch deutlich, dass man den Kabarettisten und Künstler voneinander trennen sollte, auch wenn es nicht immer gelingt. Schließlich geht es um zwei Seiten derselben Person.  Dieter Nuhr begann sein Studium als Kunstlehrer 1981 an der Folkwangschule in Essen. Er wollte Künstler werden, sein Vater bestand auf den Lehrer. ein typischer Kompromiss für die alte Bundesrepublik der 70-er und 80-er Jahre. Dass er dann Kabarettist geworden ist, bezeichnete er als Unfall und dann als Glücksfa...

Die Göttin kam aus Bremen - I

Mit Isabella durch die Toskana des Nordens Leerlauf Seit 2014 habe ich viele Loblieder gesungen auf den PS.Speicher, seine Macherinnen und die Ehrenamtlichen, die unterschiedlichen Depots und Themenwelten, das soziale Engagement  und auf das ganze Projekt und seine Bedeutung für die Region und überhaupt und sowieso. Nun mach ich mal was anderes. Ich singe ein Liebeslied auf die wahre Göttin und die heißt Isabella, hat vier Räder und wurde in Bremen gebaut.  Seit 2018 habe ich das Glück, dass ich bei der PS.Speicher-Rallye starten darf und es hat meine Sicht auf historische Fahrzeuge geändert. Immer mehr bin ich weggekommen von der Bewunderung für Luxuskarossen. Immer deutlicher wurde mir, dass die Kleinwagen wesentlich wichtiger sind, weil sie den größten Teil der Massenmotorisierung in der alten BRD abgefedert haben. The Seven Year Itch: Die Rallye 2025 war für mich das das verflixte siebte Jahr und Film und Fahrzeug gehören in dieselbe Dekade und am Ende ist einiges ganz an...

Die Göttin kam aus Bremen - II

  Mit Isabella durch die Toskana des Nordens Gang 1  Was ist schon ein Porsche 356 gegen eine Isabella Borgward als Cabrio? Nur die Eingeweihten wissen, dass Borgward in der BRD die Luxusmarke der 50-er und frühen 60-er Jahre war. Aber so legendär wie die Autos war auch das Ende des Borgward-Konzerns mit seinen Marken Hansa, Goliath, Lloyd und eben Borgward. Doch später mehr dazu. Auf jeden Fall war ich schon seit Jahren der Meinung, dass die Isabella das schönste jemals in Deutschland gebaut Auto ist, vor allem das Coupé und natürlich und ganz besonders das Cabrio auf Basis des Coupés. Solch eine Linienführung, die Eleganz und Sportlichkeit miteinander vereint, gab es vorher nicht und hinterher erst recht nicht.  Da kommen selbst die Citroens der DS-Reihe nicht mit. Die Französinnen wirken geradezu plump im Vergleich zur Schönheit aus dem Norden und darum kam die wahre Göttin aus Bremen. Also habe ich immer neidvoll geschaut, wenn bei der PS.Speicher -Rallye eine Isabel...