Sonntag, 29. Juni 2014

Auch das Leben eines Prinzen ist eine einzige Baustelle

Ein Stück für 2 Gaukler und Hunderte von Spießgesellen im Liebhabertheater

Zauberhaft, einfach nur zauberhaft. Was sich in der Ankündigung wie ein Historienspiel liest, entpuppt sich beim Zuschauen als Mut-Mach-Stück. "Der Raub des Prinzen Hugo" ist Theater für Kinder, dass alles bietet, was Kinder am Theater so lieben. Rike Reiniger ist Autorin und Regisseurin zugleich und mit dem Stück hat sie ein Werk vorgelegt, für das die Vokabel Gesamtkunstwerk vielleicht zu hochgegriffen erscheint, das aber alle Mal rundum gelungen ist und mehr sein sollte als das Kinderstück bei den  diesjährigen Schlossfestpielen in Sondershausen.
In der Rollen von zwei Gauklern berichten Maria Hengst und Franz-Xaver Schlecht von einer historischen Begebenheit aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Prinz Hugo ist der Sohn des Grafen von Mansfeld, der mit Graf Günther von Schwarzburg befreundet ist. Damit der junge Mansfelder Gottesehrfurcht und Schönschreiben lernt, wird er zu Schwarzburg auf das Schloss Sondershausen geschickt.
Albert (links) und Hugo haben einen denkbar
schlechten Start. Alle Fotos: D. Wagner
Das Schloss entpuppt sich aber als Baustelle und nicht als neue Heimstätte, da Günther große architektonische Ambitionen hat.
Unter solchen Umständen wird ein Zehnjähriger schon einmal  vom Heimweh angefallen. Das versteht das Publikum der Premiere nur zu gut und deshalb wundert sich auch keiner, dass Maria Hengst in der Rolle des Hugo an dieser Stelle erst einmal singt.
Spägter wird noch an einigen anderen Stellen gesungen, denn Musik spielt in diesem Stück eine große Rolle als Transportmittel für Gefühle, im Guten wie im Unguten. Kinder verstehen dies und stören sich auch nicht daran, dass die Komponisten Händel und Vivaldi doch erst gut 150 Jahre nach den Geschehnissen das Licht der Welt erblicken werden. Solche Detailfragen, das ist etwas für erwachsene Erbsenzähler. "Der Raub des Prinzen Hugo" ist sicherlich keine Kinderoper, er zeigt dem Nachwuchs aber,was man mit dem Mittel Musik machen kann. Das funktioniert im Liebhabertheater an diesem Tag so gut, weil die Zusammenarbeit mit dem Ensemble aus dem Loh-Orchester unter der Leitung von Daniele Squeo so gut funktioniert. Die sieben Musiker sind an diesem Nachmittag zurückhaltende Begleiter, musikalische Kommentatoren des Bühnengeschehens.
Auf der Baustelle Schloss Sondershausen trifft Hugo auf Prinz Albert, Sohn von Günther. Natürlich müssen die beiden die neue Rangordnung erst einmal wortwörtlich ausfechten. Das Kreuzen der Klingen erfreut nicht nur den härtesten aller Kritiker (siehe hier), sondern auch alle anderen. Die Nähe zum Bühnengeschehen im winzigen Liebhabertheater steigert die Spannung. Aber natürlich freunden sich Albert und Hugo an, singen gemeinsam die dunklen Gedanken in finstere Nacht weg und lobpreisen den Wert der Freundschaft. Ach ja, und dann ist da noch Schnuffi, der Schlosshund, der für Hugo auch ein ganz besonderer Freund wird.
Wenn es denn sein muss,dann greifen die Gaukler
auch zu den Mitteln des figurentheaters. 
Natürlich kommt solch ein Stück nicht ohne Bösewicht aus und der heißt Jobst Hacke. Weil er sich siebenfach beleidigt fühlt, zettelt Jobst ein Fehde mit dem Mansfelder Grafen an und zieht mit Hunderten von Spießgesellen (Maria Hengst und zwei Puppen in einer Vielfachrolle) brandschatzend durch das Land. Großartig, wie Franz-Xaver Schlecht diesen finsteren Gesellen spielt. Gerade noch auf dieser Seite der Karikatur, ahnt jedes Kind, dass solche Bösewichter bestimmt nicht gewinnen werden. Also können der härteste alle Kritiker und seine Altersgenosse entspannt dem munteren Treiben zuschauen.  Für diese Leistung bekommt Schlecht 9 von 10 Punkten auf der "Gerd Fröbe spielt den Hotzenplotz"-Skala.
Weil nun alles Brandschatzen nicht den gewünschten Erfolg bringt und die Hunderte von Spießgesellen langsam ungeduldig werden, entsinnt Hacke einen neuen Plan und der funktioniert, weil Graf Günther nicht zuhause ist und die beiden Prinzen auf sich gestellt sind. Doch am Ende siegen die Prinzen und das Gute, weil ihre Freundschaft so stark ist, ihnen Mut macht und hilft, übermächtige Gegner wie die dunklen Gedanken, die Mutlosigkeit und den finsteren Hacke zu besiegen.
Es ist nicht nur die Beste-Freunde-Geschichte, die den Liebreiz des "Raub des Prinzen" ausmacht. Ob es sich so oder so ähnlich oder vielleicht ganz anders zugetragen hat, das ist zweitrangig. Der Wert der Freundschaft und der Sieg der vermeintlich Kleinen, dies geben die beiden Gaukler den Kindern mit auf dem Weg.
Es ist vor allem die Art wie, Reiniger ihre Geschichte durch Maria Hengst und Franz-Xaver Schlecht erzählen lässt. Sie greift in das Füllhorn des Kindertheaters und fügt Clownerie, Akrobatik, Slapstick, Pantomine, Figurentheater, Fechtduelle und ein wenig Oper zu einem gelungenen Ganzen zusammen, ohne das ein Teil erzwungen wirkt, sondern alle Teile auch dort sind, wo sie hingehören. Einen ordentlichen Spritzer kindgerechter Toberei und Anarchie gibt es dann auch noch.  Ob Kinder darüber reflektieren ist zweitrangig. Den Kindern im Liebhabertheater gefällt es einfach und deshalb sparen sie auch nicht mit Szenenapplaus. Ach, den mitgereisten Eltern gefällt es auch, ob reflektiert oder nicht. Sie wissen die Leistungen der beiden Schauspieler einzuschätzen.
Hugo sitzt im Kerker, fürchtet sich
aber nicht, weil Schnuffi da ist.
Um diese Historie kindgerecht zu erzählen begeben sich Rike Reiniger und Elisabeth Stolze-Bley in das Reich kindlicher Vorstellungskraft mit ihrem fantasievollen Umgang mit den wenigen Requisiten. Da ist die große Truhe, die mal die Kostüme behütet, mal als Bett sein kann oder eine Kutsche. Da ist die Trittleiter, die mal Zugbrücke ist oder Schlossmauer, Turm oder Kerker. Ein Wanst und ein Helm machen aus dem Gaukler schnell mal den Bösewicht Jobst Hacke. Das funktioniert zuhause in jedem Kinderzimmer mit einer Verkleidekiste genauso und deswegen haben die Kinder auch kein Problem mit den vielen Rollenwechsel. Niemand ist verwirrt als Schlecht gleichzeitig Jobst Hacke und Graf Mansfeld spielen muss, schließlich hat der eine einen Helm und der andere eine Feder am Hut. Da ist keine Verwirrrung sondern nur kindische Freude angesichts des rasanten Tempos in diesem Zweikampf. An jeder Sandkiste wechseln die Rollen im Spiel schneller, so dass eher Eltern Schwierigkeiten mit der Rasanz der Entwicklung haben. Wieder kann Rike Reiniger kindliche Verhaltensweise gewinnbringend in ihr Stück einzubeziehen. Hier ist nichts gekünstelt und alles kindgerecht, aber eben auch spannend und witzig. Mit der Musik und mit der besonderen Atmosphäre dieses intimem Liebhabertheaters mit seinen Rokoko-Dekor ist "Der Raub des Prinzen Hugo" ein Stück Kindertheater, das alles bietet,was Kinder am Theater lieben und vielleicht doch ein Gesamtkunstwerk. Wer es nicht sieht, der kann nicht behaupten, dass er in diesem Jahr bei den Schlossfestspielen gewesen wäre.


Die Schlossfestspiele in Sondershausen
Das Liebhabertheater bei facebook und mit vielen Bildern



Der härteste aller Kritiker - Teil eins
Der härteste aller Kritiker - Teil zwei
Der härteste aller Kritiker - Teil drei
Der härteste aller Kritiker - Teil vier