Montag, 13. Juni 2016

Musical mit 2-Takter

Highway to Hellas ist vor allem ein Festival des Schüttelreims

Das dürfte neuer Rekord auf dem Applauso-Meter der 58. Domfestspiele sein. Mit satten 15 Minuten Beifall belohnte das Publikum am Freitagabend die Premiere des Musicals „Highway to Hellas“. Regisseur Achim Lenz und das Autorenteam Doll, Wolff und Schimkat haben wohl den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Mischung aus Klischee, Klamauk und Männerfreundschaft erfüllt das Bedürfnis nach Unterhaltung auf hohen Niveau.

Das Buch von Moses Wolff und Arnd Schimkat war 2014 der Überraschungserfolg auf der Spiegel-Bestsellerliste. 2015 folgte die Verfilmung von „Highway to Hellas“ mit Christoph Maria Herbst in der Hauptrolle. 2016 setzten sich die Autoren mit Intendant Christian Doll und Komponist Heiko Lippmann zusamen, um aus der Geschichte über den deutsch-griechischen Kulturkampf ein Musical zu machen. Somit war die Premiere am Freitag zugleich eine Welturaufführung.

Es ist klar: Ein deutscher Banker trinkt keinen
Ouzo.      Alle Fotos: Hillebrecht/Foto-Maus
Es ist nicht weniger als ein „Clash of Culture“. Deutsche Geschäftstüchtigkeit trifft auf griechische Lebensart., Zahlengläubigkeit trifft auf Schlitzohrigkeit. Dies manifestiert sich im Gegeneinander von Jörg Geissner und Panos. Der eine wurde von seiner Bank auf die Insel Paladiki geschickt, um die ordnungsgemäße Verwendung eines Kredites zu überprüfen. Der andere ist dort Besitzer eines Minimarktes , Lebemann, Touristinnenbeglücker und bester Freund des Bürgermeisters. Von diesem erhält er den Auftrag, Geissen in die Irre zu führen.

Natürlich haben die Hellenen mit dem Geld aus Deutschland ganz was anderes vor. Darauf spekuliert sogar Dr. Laichinger als Geldgeber. Denn könnte er die Zweckentfremdung nachweisen, dann fällt vertragsgemäß der Strand der Insel an seine Bank und Laichinger könnte dort ein Urlaubsresort bauen.

Was als Geschichte über die Griechenland-Krise angekündigt ist, ist vor allem ein Kleinkrieg zwischen zwei Männer. Dementsprechend sind Dirk Weiler als Jörg Geissner und Ron Holzschuh als Panos die Pole dieser Inszenierung. Für Brecht war die Gründung einer Bank das größere Verbrechen als das Ausrauben derselbigen. Für Wolff und Schimkat scheint das Arbeiten für ein Geldhaus das noch größere Delikt zu sein. Damit wird das Thema deutlich entpolitisiert, aber immerhin haben Panos und seine Nachbarn einen recht sympathischen Weg gefunden, die Bank auszunehmen.

Es scheint ein Naturgesetz zu sein. Wenn der deutsche Intellektuelle gen Süden blickt, dann schaut er in ein vermeidliches Paradies. Wolff, Doll und Schimkat spielen mit diesen Aussteigerambitionen und den Träumen vomm einfachen Leben auf eine sehr einfache Weise. Auch das Erzählmuster "Konflikt - Annäherung - Krise - Friede, Freude, Eierkuchen" ist auch ein Standard für Musicals und das Publikum erwartet ja auch ein Happy End. Zwischen dem Anfangs- und dem Endpunkt wird ein dörfliches Idyll entblättert, das hart an der Grenze zwischen Klischee und Klamauk liegt. Manche Zeichnung gerät dabei aber arg karg.

Mit der Zündapp geht es auf den Highway.
Weiler und Holzschuh personifizieren den Konflikt hervorragend. Sie lassen kein Klischee aus, aber das erledigen sie augenzwinkernd. Braucht der Deutsche sein Smartphone, um das Hotel zu finden und natürlich sitzen die Griechen den ganzen Tag in der Taverne. Wenn sie nicht gerade Ouzo trinken, dann tanzen sie. Dirk Weiler beherrscht das „mürrisch Gucken“ auf großartige und ausdauernde Weise. Seine Rhetorik, Gestik und Mimik erheben Verklemmung zur Kunstform. Das grau in Grau seiner Kostümierung macht ein Gesamtwerk daraus.

Ron Holzschuh ist der passgenaue Antipode. Seine raumgreifende Gestik und die verbalen Tiraden verdeutlichen dem Macher. Aber die stillen Töne des ach so typischen Beiseite Nehmens zeigt Holzschuh überzeugend.

Trotzdem schaffen es Weiler und Holzschuh das Zusammenwachsen von Banker und Filou glaubhaft zu verkörpern. Aus dem Gegeneinander wird eine Miteinander. Der Höhepunkt ist ohne Frage die Spritztour mit der Zündapp über die Festivalbühne. Der Zündfunke der griechischen Lebensfreude springt auf den vereinsamten Deutschen über. Alexis Zorbas lässt grüssen.

Überhaupt ist es ein Musical im hektischen Ton eines Zweitakters. Gag reiht sich an Gag und es gibt nur wenige Momente im Leerlauf und im ruhigen Tuckern. Musical ist halt Unterhaltung und die gelingt den Autoren allemal. Da schaden auch ein wenig Schwarz-Weiß-Malerei und einfach Identifkationsangebote nicht.

Panos kann nicht nur Frauen beglücken, sondern
auch Faxe lesen.   Alle Fotos: Hillebrecht
Dazu tragen auch die Songs von Heiko Lippmann bei. Der Hofkomponist der Domfestspiele bedient sich in einem großen Fundus an musikalischen Traditionen. Da passen Pop, Swing, Blues und Sirtarki durchaus nebeneinander. Auf jeden Fall ist der Ohrwurm-Faktor bei vielen Songs durchaus hoch anzusetzen. Das liegt natürlich auf an den eingängigen Texten, dir vor keinem Schüttelreim Halt machen. Es werden nicht nur Baden und Kykladen miteinander verwoben.

Achim Lenz kann auf ein Musical-erprobtes und glänzendes Ensemble bauen. Seine Truppe hat Spaß am Spiel und der Funke springt schneller als ein Zweitakter auf das Publikum über. Christine Dorner in der Rolle des Bösewicht Dr. Laichinger erinnert erfrischend an den Bösewicht Montgomery Burns. Ja, das ist jener Miesling aus der Simpsons-Serie.

Für Tabea Scholz in der Rolle der Hotelbesitzerin Maria ist die Wutrede der Höhepunkt der Aufführung. Nicht nur betrogenen Gattinnen bietet diese Szene Identifikationsmaterial. Ja, in Highway to Hellas geht es nicht nur um Männerfreundschaft. Es geht es auch noch um Frau-Mann-Beziehungen und um eine Vater-Sohn-Geschichte. Aber zum Schluss wird auch dieser gordische Knoten gelöst.

Mit Highway to Hellas haben die Domfestspiele Kurs genommen Richtung Unterhaltung.Dem Publikum hat es gefallen. Wie gesagt, 15 Minuten düftten neuer Rekord auf dem Applauso-Meter sein.



Der Spielplan der Domfestspiele
Das Stück in der Selbstbeschreibung