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Eine Schreckensmär mit Happy End

Theater der Nacht zeigt die Frau von Bath

Der Titel lautet "Die anderes Seite der Nacht", aber die andere Seite des Festivals wäre wohl richtiger. Mit einer poetischen Aufführung aus den Canterbury Tales verzauberte das Theater der Nacht am Montag das Publikum bei den Domfestspielen. Diese Commedia dell'Arte ist ein stiller Gegenentwurf zu den überbordenden Musical-Inszenierungen der 58. Spielzeit in Bad Gandersheim.

"Die Frau von Bath" ist eine Erzählung aus den Canterbury Tales. In dem Werk versammelte Geoffrey Chaucer ab 1378 Geschichten und Legenden aus dem mittelalterlichen England. Es sind Erzählungen, die sich zumeist um Macht, Gier und menschliche Charakterschwächen. Auch wenn die Verpackung mittelalterlich anmutet, hat Bernd Witte für das Theater der Nacht eine Inszenierung erarbeitet, die ganz modern die Fragen nach sexueller Selbstbestimmung und nach Frauenrechten stellt.

Heiko Brockhausen hat viel Spaß an der Figur des
Comte.   
Alle Fotos: tok
Bereits 1999 feierte das Theater der Nacht damit die Premiere vor der Stiftkirche. Seitdem ist das Ensemble aus Northeim mit dem Werk immer wieder zu Gast in Bad Gandersheim. Die Aufführung am Montag war die 101.

Ritter Gernot von Schwarzenstein ist ein echtes Ekelpaket: arrogant, gewalttätig, hinterlistig und unbelehrbar. Er begehrt das Herz der Gräfin Anemone, die aber nicht von ihm wissen will. Nachdem Gernot in der Gestalt des Blauen Ritters mit List und Tücke das Turnier der Gräfin gewonnen hat, vergewaltigt er die Angebetete. Die Schandtat kommt ans Licht und Gernot wird zum Tode verurteilt. doch der Delinquent erhält eine letzte Chance. Innerhalb eines Monats muss er ergründen, "was das Herz eines Weibes zumeist begehrt".

Es ist ein Schauspiel für vier Darsteller, mit neun Rollen und jeder Menge fantastische Figuren wie die verfluchte Tier-Frau Ragnell, den doppelköpfigen Richtern oder den Tod. Im schnellen Wechsel springen die Darsteller von Maske zu Maske. Überhaupt tragen die Masken aus den Händen von Heiko Brockhausen einen großen Teil zum Zauber dieser Inszenierung dar. Jede Rolle steht für eine menschliche Eigenschaft und die Masken unterstreichen den Charakter kongenial.

Es sind die traumhaften Großfiguren, die für ein stilles Staunen sorgen. Der doppelköpfige Richter ist Autorität pur, die drei Geier verbreiten Grusel und Gevatter Tod ist mit seinen 3,50 Meter Größe imposant und furchteinflössend zugleich.

Ritter Gernot muss vor den Richter
treten.
Angekündigt als Commedia dell'Arte ist "Die andere Seite der Nacht" eher eine Mischung unterschiedlichster Theaterformen. Realtheater und Figurentheater verschmelzen miteinander. Es gibt ein wenig Klamauk und Satire und einen ironischen Spiel mit dem Versatzstücken des Amateurtheaters. Die nicht funktionierenden Musikeinspielungen und laut gesprochene Regieanweisungen werden zu running gags.

Der Erzählstrang ist chronologisch aufgebaut und bleibt beruhigend konventionell. Ernste und heitere Szene wechseln sich ab und dann sind da noch die finsteren Traumszenen mit einer eindeutigen und eindringlichen Symbolik. Die Texte weist nur wenige Stellen auf, die man für so unbedingt mittelalterlich und höfisch hält.

Die Puppenspieler verfügen über erstaunliche Kompetenzen in Sachen Sprechtheater. Alle vier können ihre Stimmen variabel und glaubwürdig einsetzen. Auch die Restmimik funktioniert so gut, dass man stellenweise glaubt, die Masken würden lebendig.

Die eindeutige Zuweisung erleichtert die Identifikation. Da sind Magd Clara und Diener Bruno, die mit ihren reinen und unbeschwerten Liebe als Gegenentwurf zum höfischen Geplänkel und zur Minne dienen. Das ist der bösartige Ritter Gernot, der selbst noch in höchster Lebensgefahr nicht von seinem hohen Ross herunterkommt. Das ist der altersstarrsinnige Chevalier de Rochefort  und vor allem der trottelige Comte de Souffle.

Man merkt, dass Heiko Brockhausen sehr viel Gefallen an dieser Figur findet. Er spielt den trotteligen Galan mit so solcher Freude, dass das Publikum viel zu Lachen hat und auch an Zeitgenossen erinnert wird. In der Maske des Diener Bruno, der für die nutzlose Unterwürfigkeit steht, und mit Ruth Brockhausen als Magd Clara geben sie den Stück die notwendige Erdung. Auf dieser Basis funktioniert das mittelalterliche Mythenspiel umso besser.

Die verfluchte Ragnell hat die Lösung

für Gernots Problem.
Aber natürlich ist Ritter Gernot die zentrale Figur der Inszenierung. Christoph Buchfink legt hier soviel Arroganz und Übermut in die Person, dass man ihn bestimmt nicht zum Nachbarn haben möchte. Er macht aus der Geschichte der geschändeten Frau ein Parabel aus mangelnder Empathie und Unbelehrbarkeit. Es ist fast zu spät, dass die Antwort auf die Frage, was eines Weibes Herzen zumeist begehrt ähnlich schwierig ist wie die Suche nach dem Heiligen Gral.

Deswegen kommt die Läuterung ein wenig überraschend. Einsicht kommt erst, wenn man sich aller Dinge entledigt. Dies wird traumwandlerisch mit fliegenden nackten Puppen dargestellt. Die "Kampfszene" bei der Rückkehr in die bekleidete Welt nimmt dieser Weisheit ein wenig die Schwere.

Bei allen philosophischen Aspekten und trotz aller düsterer Mystik ist "Die andere Seite der Nacht" doch ein Märchen mit Happy End. Ritter Gernot entgeht seiner Hinrichtung, weil er sich in letzter Minute an die weise Frau Ragnell wendet, auf der seit 101 Jahren ein Fluch lastet. Er wendet sich an sie und er bekennt sich zu ihr. Also muss der Henker sein Schwert wieder einstecken und unverrichteter Dinge abziehen. Ach ja, es ist eine Win-win-Situation. Mit Gernots Hilfe wird Ragnell erlöst. Der Ritter erkennt, was des Weibes Herz zumeist begehrt: Selbst entscheiden.

Mit diesem Stück zeigt das Theater der Nacht die anderes Seite des Festivals: Poesie gepaart mit Philosophie. Das Theater der Nacht trifft die anschauliche, meisterhafte Sprache Chaucers und damit seine humorvolle und realistische Weltsicht auf eine zeitgemäße Art.


Der Spielplan der Domfestspiele


Das Theater der Nacht
Das Stück  


Die Canterbury Tales

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