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Was kommt nach den Brombeeren?

Brit Bartkowiak inszeniert am DT Göttingen einen eindrucksvollen Parzival

Mit seiner Bearbeitung der Parzival-Legende hat Lukas Bärfuss ein tragisches und berührendes Stationendrama geschrieben. Mit ihrer Inszenierung am Deutschen Theater in Göttingen hat Brit Bartkowiak eine Interpretation der Legende geschaffen, die nicht nur Verweise in die Jetzt-Zeit liefert sondern auch als Gesamtpaket überzeugt. Der Erfolg basiert auf den drei Säulen Darsteller, Bühnenbild und Licht und so gab es zur Premiere am 24. Januar jede Menge Beifall
Das Licht geht an und zwei Männer kriechen aus einer der Bodenluke. Als nächstes erklimmt Gaby Dey als  Herzeloyde die Bühne. Nach dem Tod des Gatten will sie ihren Sohn Parzival (Vanessa Czapla) fernab der Menschheit und der Kultur allein erziehen. Er soll ohne Gemütsregung und ohne Sehnsucht groß werden. Das Experiment ist zweifach zum Scheitern verurteilt. Auf der einen Seite wächst ein Kind ohne soziale Bindung und ohne Empathie heran. Parzival ist nicht der Prototyps eines Kasper Hauser sondern eher Frankensteins Monster. Zum Zeitvertreib jagt er Hirsche und schaut den Tieren beim Sterben zu. Die Legendenfigur wird zum Prototyp des Ego-Shooters. Der Hirschspieß ersetzt den Joystick. Die hier trainierten Fähigkeiten helfen Parzival beim Töten seiner menschlichen Kontrahenten.
Die Begegnung von Parzival (links) und Ither
endet tödlich
. Alle Fotos: T. M. Jauk
Parzival wird oft töten und das nicht auch einer Notwendigkeit heraus, nicht zur Abwehr, sondern emotionslos und aus Berechnung. Ritter Ither  wird sein Leben lassen weil Parzival dessen rote Rüstung braucht, um den Ziel Rittertum
näher zu kommen.
Das Experiment von Herzeloyde, der Urmutter als Helikoptermütter, ist auch deswegen zum Scheitern verurteilt, weil sich die Realität nicht aussperren lässt und weil der Wissensdurst eines Kindes größer ist als alle mütterliche Vorsicht. Er will wissen, wie die Welt jenseits der Brombeerbüsche aussieht, außerhalb des enggesetzten mütterlichen Kosmos und als die Realität in Form zweier Ritter in den Wald eindringt, verlässt Parzival die mütterlichen Gefilde.
Es ist ein Clash of Cultures, als Parzival unter die Menschen kommt. Er kennt die Regeln des Rudels nicht und seine Fragen werden als Dummheit interpretiert. zu festgefahren sind alle Menschen, als dass sie Parzival Wissensdurst befriedigen könnten.
Er ist aber auch die gewissenlose Urgewalt, die die Grundfesten des höfischen Lebens erschüttert. Artus Tafelrunde ist keine Versammlung von Helden, sondern eine Spaßgesellschaft, in der sich jeder seine Pfründe sichern muss. Der unbedarfte Jüngling wird zum Werkzeug des rachsüchtigen König und damit wird eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt, an dessen Ende Ernüchterung, Enttäuschung und jede Menge verpasste Chancen stehen.
Artus Tafelrunde ist als andere als eine Ver-
sammlung von Helden.
Parzival ist ein Getriebener, weil er die Regeln des menschlichen Rudels nicht kennt, weil er, der Bindungslose, nicht weiß, dass das Unterlassen in einer Gesellschaft voller Abhängigkeit genau so wichtig ist. Weil er keine Empathie, kein Mitgefühl entwickeln kein, fehlt ihm die wichtigste Voraussetzung, um Bindungen langfristig einzugehen. Weil ihm jedes Mitleid abgeht, so stellt Parzival dem verdammten König Anfortas nicht die entscheidende Frage. Der Jüngling hat es in seiner Hand, die prophezeite Erlösung zu bringen, doch er kann nur Scheitern.  
Bärfuss "Parzival" ist klassisches Sprechtheater und stellt damit hohe Anforderungen an die Darsteller. Ständig wird mit Doppeldeutigkeiten jongliert und Sprachwitz bis zur Sophisterei analysiert. Aber es muss auch jede Betonung sitzen. Weil er diesen Code nicht beherrscht, ist Parzivals Scheitern vorprogrammiert. Was am Ende bleibt ist ein Ritter Parzival von der traurigen Gestalt.
Es ist der Abend von Vanessa Czapla. Sie meistert alle Anforderungen der Titelrolle, vermittelt die Wandlung vom wissbegierigen Jüngling über den mordlustigen Ritter zum verzweifelten Wanderer exzellent. Jeder Ton, jede Geste, jede Mimik sitzt. Sie hat die Dynamik des Haudrauf und die Verzweiflung des Gescheiterten. Hier entsteht etwas Großartiges.
Sigune ist die einzige, die Parzival helfen könnte.
Doch er versteht ihre Sprache nicht. 
Auch Bardo Böhlefeld in der Rolle des zweiten Bauerns und vor allem als Ritter Ither setzt mit Frederik Schmid in der Rolle des ersten Bauerns ein Gegengewicht. Als Duo sind sie für die komischen und die reflektierenden Momente zuständig und helfen dem Publikum beim Innehalten.
In der Rolle der Sigune hinterlässt auch Elisabeth Hoppe einen starken Eindruck. Selten hat Orientierungslosigkeit und endlose Verzweiflung solch  eine Tiefe.
Der großartige Eindruck diese Sprechtheater wird durch das Bühnenbild von Nikolaus Frinke verstärkt. Zentrales Element ist ein riesiges Tarnnetz. Das sagt nicht nur: Es ist Krieg. Es nimmt auch immer wieder andere Form, ist mal Wand, mal Kuppel und verdeutlicht damit jeden Szenenwechsel, jede Station auf dem Weg des Parzivals. Die Beleuchtung schafft es zum eigenständigen gestalterischen Element. Sie nutzt alle Möglichkeiten, schafft die unterschiedlichsten Stimmungen von mystischer Dunkelheit über das lebhafte Schattenspiel des Waldes bis hin zum gleißenden Licht der Selbsterkenntnis.
Auch die Kostümsprache von Carolin Schogs ist eindeutig. Parzival ist kein Historienspiel sondern ein Werk der Gegewart. Da ersetzt der Smoking eben die blecherne Rüstung.
Wie gesagt, mit seinem Parzival  hat Lukas Bärfuss ein berührendes Drama geschrieben, dass Brit Bartkowiak dank einer großartigen Teamleistung in eindrucksvoller Weise am DT in Göttingen inszeniert hat.


Das Stück in der Selbstdarstellung
Der Spielplan am DT





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