Direkt zum Hauptbereich

Was für ein Mensch

Günter Maria Halmer liest Kishon und Roth

Satire kann zeitlos sein. Gute Satire ist zeitlos. Das bewies Günther Maria Halmer bei seiner Lesung im Kloster Walkenried. Es war so menschlich, da war die Zugabe schon vorprogrammiert.
Auf dem Programm standen Texte von Ephraim Kishon und Eugen Roth. Begleitet wurde der Vorleser von Jörg Fuhrländer am Akkordeon.

Der macht auch den Auftakt. Er improvisiert über ein Thema, das deutlich nach Klezmer klingt. Dabei versinkt Fuhrländer in die Musik und fast in sein Instrument. Halmer stellt den Musiker später als  seinen Partner vor.

Jörg Fuhrländer ist auch ein guter
Zuhörer. Alle Fotos: tok
Es ist eine kongeniale Partnerschaft. Hier der extrovertierte Münchner, dort der stille Siegerländer, das ergibt eine abwechslungsreiche, eine kontrastreiche Paarung. Zwischen den Lesungen gibt Fuhrländer dem Publikum immer genug Zeit und Raum zum Verdauen und Vorbereiten. Das Repertoire umfasst Tango, Chanson und Tango-Motive. Nichts, was sich aufdrängt und von eigentlichen Ziel des Abends ablenken könnte.

Das lautet nun einmal Vorlesen und Zuhören. Der erste Teil des Abends besteht aus drei Texten von Ephraim Kishon. Damit ist klar, dass es um Alltagsbeobachtungen, menschliches Verhalten im Allgemeinen und Menschen in überspitzten Situationen geht, also um echte Typen und irgendwie um jeden von uns.

Halmer liest zwei Stücke aus Kishons Hundezyklus. "Pedigree" dreht sich  um die Anschaffung eines HJundes für die Familie Kishon. Dabei zerlegt er die Ansprüche, Vorwände und Wirklichkeit in ihre Einzelteile. Die beste Ehefarau von allen schiebt die Kinder vor, um ihren Wunsch nach einem Vierbeiner zu rechtfertigen. Die falsche Bescheidenheit entpuppt sich als Ehrgeiz zum lupenreinen Stammbaum des Vierbeiners und der Ich-Erzähler kann die Erwartungen seiner Familie nur mit Halbwahrheiten ausbremsen. Ein Familienleben wie im richtigen Leben also, weil sich jeder wiedererkennt, hat Halmer auch gleich die Lacher auf seiner Seite.

Aber es scheint, als müsse sich der Profi erst einmal an das ungewöhnliche Umfeld herantasten. Die Stimme sitzt nicht in allen Passagen und klingt noch sperrig. Der Vorleser liest nur vor.

Bei Halmer klingt auch der Schüttel-
reim rund.
Doch dies ändert sich schon mit der zweiten Geschichten. "Die Dressur" erzählt, wie es in der Familie Kishon weitergeht nach der Anschaffung der Hündin. Mit ''Papi als Schwimmlehrer" ist halmer mittendrin in seinem Element. Die Vorlesung wird jetzt zur szenischen Lesung. Die Stimme hat Schwung und Dynamik, mal laut, mal leise, mal flehend, mal drohend. Das Kino im Kopf im Kopf geht an. Halmer liest nicht Kishon, Halmer spielt Kishon mit begrenzter Ausstattung, aber treffend.

So muss es sein, wenn Väter versuchen, ihrem verzagten Nachwuchs das Schwimmen beizubringen. Es endet in der Katastrophe und das schon seit Generationen. Aus diesen Katastrophe kommen wir alle mit einem Schmunzeln heraus.

Den zweiten Teil des Abend bestreitet das Duo mit Texten von Eugen Roth aus seinem "Ein Mensch"-Zyklus. Dies sind Lebensweisheiten und Anekdoten im Schüttelreim-Rhythmus. Die Mensch-Geschichten sind wohl einst für's Selbstlesen und Nachdenken konzipiert wurden. Deshalb klingt es anfangs hölzern und sperrig. Doch Halmer findet sich bald in den Werken zurecht und das Publikum folgt ihm in die zeitlosen Geschichten von Roth, die wie Kishon allzu menschliches zum Thema haben. Schließlich geht es um Weisheiten und Verhaltensweisen, die die Jahrzehnte überdauert haben, weil sie wohl ins Genom geschrieben sind. Deswegen enthält sich Halmer der Häme und der Überheblichkeit. Der Schüttelreim klingt weich und die Geschichten über enttäuschte Liebhaber und andere Mitmenschen zeigen eins: Mitgefühl.

So bleibt am Ende die Gewissheit, dass dort auf der Bühne zwei Menschen stehen, die ihre Mitmenschen verstehen.        


Günther Mari Halmer bei wikipedia
Mehr zu Jörg Fuhrländer

Die Kreuzgangkonzerte bei wikipedia
Die offizielle Website


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Erich Kästner mal als Skandalnudel

Deutsches Theater bringt Kästners Fabian auf die Bühne Kinderbuchautor und Komiker, das sind die Etiketten mit denen Erich Kästner gemeinhin beklebt wird. Aber er konnte auch ganz anders. Das beweist die Inszenierung seines "Fabian" am Deutsch Theater in Göttingen. Doch die Premiere hinterlässt einen gemischten Eindruck. Es sind unruhige Zeiten im Berlin Ende der 20-er Anfang der 30-er Jahre. Die Freiheit der Weimarer Republik trifft auf die Weltwirtschaftskrise. An jeder Ecke lauert die Entlassung. Die aufstrebenden Nationalsozialisten liefern sich Straßenkämpfe mit den Kommunisten. In diesen Zeitenwechsel hinein veröffentlichte Erich Kästner 1931 seinen Roman "Fabian.Die Geschichte eines Moralisten". Zuvor hatte der Verleger ihm einige Zugeständnisse abgerungen, damit das Werk überhaupt erscheinen konnte. Den ursprünglichen Untertitel "Der Gang vor die Hunde" bekam das Werk erst bei der Neuauflage 2013 zurück. Nicht nur inhaltlich auch stilistisc...

Endlich ist Korruption gleichberechtigt

Premiere auf dem schmalen Grat: Gogols Revisor im Deutschen Theater Göttingen Um mal ins Olympia-Sprech zu verfallen: Die Premiere von "Der Revisor" am 14. Februar im DT Göttingen war eine geschlossene Mannschaftsleistung und eine beeindruckende Perfomance. Alle Beteiligten waren auf den Punkt top-fit. Deswegen geht die Gold-Medaille zu recht an die Equipe von Regisseurin Ulrike Arnold. Raffgier ist ein ständiger Begleiter Die Vorlage des russischen Dramatikers Nikolai Gogol ist fast 200 Jahre alt. Doch die Inszenierung am DT Göttingen hat gezeigt, dass ihre Themen und ihre Akteure immer noch sind. Ein Stück zeitlos zu machen, indem man die treibenden Kräfte bloßlegt und aktuell hält, dass ist die hohe Kunst des Theater und das ist in dieser Aufführung durchweg. Dann auch noch mit einer Komödie, da doch Humor sehr zeitgebunden ist. Als falscher Revisor hat Marco Matthes (Mitte) leichtes Spiel mit den Provinzpromis.  Alle Fotos: DT Göttingen    Diese Kunststück ...

Dieter Nuhr offenbart sich als Menschenfreund in Vollzeit

In Goslar zeigt er Werke, die Distanz schaffen Seit dem Auftritt von Christo hat keine Werkschau in Goslar solch ein Aufsehen erregt. Dieter Nuhr stellt dort aus unter dem Titel „Du denkst an durchfahrene Länder“. Es geht um Menschen und Landschaft, denen der Mann vom Niederrhein auf seinen Reisen um die Welt begegnet ist.  Zur Vernissage am 21. Juli war der Garten im Mönchehaus Museum bis auf den wirklich allerletzten Platz belegt. Direktorin Bettina Ruhrberg und Dieter Nuhr machten im Einführungsgespräch deutlich, dass man den Kabarettisten und Künstler voneinander trennen sollte, auch wenn es nicht immer gelingt. Schließlich geht es um zwei Seiten derselben Person.  Dieter Nuhr begann sein Studium als Kunstlehrer 1981 an der Folkwangschule in Essen. Er wollte Künstler werden, sein Vater bestand auf den Lehrer. ein typischer Kompromiss für die alte Bundesrepublik der 70-er und 80-er Jahre. Dass er dann Kabarettist geworden ist, bezeichnete er als Unfall und dann als Glücksfa...