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Alles nur aus Liebe

Sidler inszeniert einen empfindsamen Helden bei den Händel Festspielen

Berührend und begeisternd, so zeigte sich die diesjährige Festspieloper  bei den Händel Festspielen. Die Musik war das Maß aller Dinge Bei der Premiere am Samstag gab es dafür donnernden Applaus.

"Arminio" gehört wohl zu den wenigen Werken von Händel, die unter einer chronischen Unterschätzung leiden. Mitten in die Londoner Krise der Oper hineingeboren  verschwand das Singspiel um den germanischen Nationalhelden nach nur fünf Vorstellungen in der Versenkung. Von dort tauchte es 1937 erst wieder in Leipzig auf.

Dieses Schicksal hat "Arminio" wahrlich nicht verdient. Es scheint, als ob Händel hier noch einmal alles geben wollten, um sich gegen das Ende der Opera seria zu stemmen. Das Stück ist eine durchkomponierte Aneinanderreihung wunderbarer Arien. Ein letztes Highlight bevor am Convent Garden Theatre die Lichter ausgingen.

Arminio ist gefangen und Segeste und Tullio haben
so ihre Pläne mit ihm.   Alle Fotos: IHFG Göttingn
Musikalisch kommt der Germanenfürst gar nicht so heldenhaft daher. Händel schlägt hier ehr die zurückhaltenden Töne an. Immerhin hat Arminio auch gerade eine bittere Niederlage erlitten und er ist dabei, seinen Kopf auf dem Richtblock zu verlieren.

Laurence Cummings versteht es, diese Stimmung durchgängig zu halten. Sein Dirigat reduziert sich auf die entscheidenden Stellen, weil das FestspielOrchester Göttingen nicht nur seins der besten seiner Art ist. Es ist nicht nur ein wunderbar funktionierender Klangkörper, sondern hat auch die Vorstellungen seines Leiters verinnerlicht, geht damit konform und setzt diese Leitlinien überzeugend um.

Der Klang ist wieder einmal dieser einmalig poetische. Zurückhaltend in der Instrumentierung schaffen Cummings und das FestspielOrchester erneut eine feines Gespinst. Jede Instrumentengruppe ist klar zu erkennen und jeder Ton kommt zu seinem Recht. Das ist Liebe zur Musik.

Mit Eric Sidler scheint Cummings auf einen Bruder im Geiste getroffen zu haben. Der Intendant des Deutschen Theaters liegt mit seiner ersten Oper eine Inszenierung vor, die vor allem mit Zurückhaltung und Respekt vor dem Werk überzeugt. Weder musikalisch noch theatralisch wird das Publikum überrannt und zu Boden gerungen. Jedem Zuschauer und jeder Zuhörerin bleibt genug Raum, um sich im dem Intrigen- und Gefühlsgewühl zurecht zu finden. Auch das ist Liebe zur Musik und Respekt vor dem Publikum.

Sidler verzichtet auf die großen Gesten, auf das Monumentale, das sich bei diesem Thema ja geradezu anbietet. Das Spiel ist auf das Nötigste reduziert und jede Geste scheint wohl überlegt. Raumgreifendes bleibt alleion dem Bösewicht vorbehalten. Damit bleibt Raum, um die Musik wirken zu lassen. Diese scheint im Vordergrund und das ist durchweg wohltuend.

Er ergänzt den Heldenepos um weitere Ebenen. Da ist nicht nur die Abhängigkeit des Arminio von seiner Gattin und das Dilemma des Sigismondo, der nur dem Vater oder der Geliebte die Treue halten kann. Es geht auch und vor allem um den Respekt dem Unterlegenen gegenüber.

Tusnelda hält Arminio auf Kurs.
Foto: Internationale Händel-Festspiele
Es sind schon Szenen mit Kloss-im-Hals-Faktor, wenn Segeste den Gefangenen wie ein Tier umher führt und ihn wie einen Affen im Käfig präsentiert  füttert oder die Kunststudenten den Exoten zeichnen. ERniedrigung pur und deren Anklage mit einfachen theatralischen Mitteln. Die Liebe zur Musik wird durch die Liebe zum Menschen ergänzt.

Nach den Ausstattungsopern der letzten Jahre verzichtet Arminio auf jeglichen Pomp. Das Bühnenbild von Dirk Becker ist auf drei große Kuben und wenige Requisiten reduziert. Das ist ein bestimmender Teil des Konzept. Die minimale Ausstattung stellt Gesang und Musik in den Mittelpunkt. Auch die Kostüme von Renée Listendal passen sich ein. Arminio wirkt in seiner operettenhaften Ausstattung wie ein Freizeit-Admiral auf dem Trockenen.

Mit Christopher Lowrey trifft das Publikum auf einen alten Bekannten. Der Countertenor konnte schon 2014 in „Faramondo“ überzeugen und 2016 in „Susanna“ begeistern. Mit seiner lyrischen Interpretation gibt er einen Germanenfürsten, der vor allem erst einmal ein Geschlagener ist und nur durch die Liebe seiner Frau Tusnelda aufrecht gehalten wird. Das Duett in der ersten Szene des ersten Aktes setzt hier schon die Zeichen.

Mit der Arie in der dritten Szene überzeugt Lowrey zum ersten Mal, es folgen noch weitere Beispiele der Harmonie auch mit dem FestspielOrchester. Die Todesarie in Szene neun des zweiten Aktes ist zum Dahinschmelzen schön. Hören und sterben, mag man leichtfertig formulieren. Aber das ist auch keine Lösung, dann würde man ja viele Höhepunkte in dieser Oper verpassen.

Auch die Tusnelda Anna Devin war bereits 2014 in „Faramondo“ zu hören. Diese Mal überzeugt sie von Beginn an. Wirkte sie vor vier Jahren anfangs noch ein wenig überredet, so lässt sie dieses Mal ihre ausgearbeitete Stimme wirken. Die zurückhaltende Regie scheint ihr gut zu tun.

Arminio ist endlich auf dem rechten Weg.
Foto: Internationale Händel-Festspiele
Nicht mit großen Gesten sondern mit Überzeugung und der Kraft ihrer ausgearbeiteten Stimme hält sie den gestrauchelten Gatten in der Spur. Dabei kann sie auch viel Verzweiflung in das Spiel bringen, wie der Schluss des zweiten Aktes zeigt.

Paul Hopwood wirkt als Varo hingegen schon etwas sehr zurückhaltend. Ein wenig mehr Geste stünde dem erfolgreichen Feldherren durchaus gut zu Gesicht. Dieser Varo erinnert in seiner Anlage stark an den Salzburger Julius Cäsar von 2012.  Dafür kann der Tenor aber mit Gesang überzeugen. Die Koloraturen seiner Arien in der zweiten und dritten Szenes des ersten Akts sind ganz große Sangeskunst.

Bei solch einem distinguierten Spiel ist es wohltuend, dass sich doch jemand für die Rolle des Bösewichts findet. In diesem Falle ist es Codey Quattlebaum als Segeste. Dem reduzierten Spiel seiner Gegenüber setzt er nicht nur große und raumgreifende Gesten und eine gewalttätige Mimik entgegen. Der Bass-Bariton verfügt auch über ein erstaunliches Volumen und ein beeindruckende Dynamik, die er hier voll ausspielen kann. Unter all den Feingeistern ist er der Rocker, das wirkt erfrischend.

Laurence Cummings und Eric Sidler schaffen es, der durchkomponierten Oper mit ihren unzählig schönen Arien ein gemeinsames Konzept bei Seite zu stellen, in dem vor allem die Liebe zur Musik oben an steht. Den How-Effekten und Erbsenzählereien anderer Händel-Inszenierungen stellen sie eine Aussage entgegen und das ist gut so.




Material #1: Arminio - Die Oper
Material #2: Georg Friedrich Händel -  Die Biografie

Material #3: Händel Festspiele - Die Website
Material #4: Händel Festspiele - Das Stück

Material #5: Laurence Cummings - Die Biografie
Material #6: Eric Sidler – die Biografie










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