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Mehr als schöne Bilder

Ein Telemann-Ballett am Theater für Niedersachsen Lauter Amateure und trotzdem ein ambitioniertes Tanzprojekt. Kann das klappen? Ja, das kann. Dies zeigt zumindest der Ballettabend "Kann man das tanzen?" des Theaterpädagogischen Zentrum Hildesheim am Theater für Niedersachsen. 250 Jahre ist Georg Philipp Telemann nun also schon tot. Das muss man irgendwie feiern. Also ist das Tanztheater zu Telemanns "Auferstehung und Himmelfahrt" der Hildesheimer Beitrag zum Gedenkjahr. Ohne seine Hildesheimer Erfahrungen und die Förderung vor Ort wäre Telemann wahrscheinlich nie Profi-Musiker geworden. Da entbehrt es nicht einer gewissen Spitzfindigkeit, ihm mit einem Amateurprojekt zu ehren. Grundlage des Oratoriums "Auferstehung und Himmelfahrt Jesu" ist ein Libretto von Karl Wilhelm Ramler, das in die empfindsame Phase fällt. Durch Telemanns eigene Dramatik erfährt es eine deutliche Aufwertung, die durch filigrane Tonstrukturen kontrastiert und aufgebrochen wird...

Einfach kolossales Theater

Das Théâtre La Licorne überwältigt mit Spartacus Dieses Stück sprengt alle Ketten. Mit "Spartacus" zeigte das Théatre La Licorne ein Werk, dass die Grenzen zwischen den Genres aufhebt. Es ist ein wenig Oper, ein wenig Pantomime und auch Figurentheater. Aber vor allem ist es ein Stück, das optisch und inhaltlich überwältigt und Bilder produziert, die in Erinnerung bleiben. Ausgangspunkt ist eine historisches Ereignis. Im Jahre 73. v. Chr. führt der Gladiator Spartacus einen Aufstand von Sklaven an, der die späte römische Republik an den Rand ihrer Existenz bringt. Schließlich findet diese Revolte auch unter den verarmten Freien seine Anhänger und wendet sich so gegen das System. Doch nach taktischen Fehlern und nach Verrat siegt zum Schluss die römische Übermacht. Erzählt wird diese Geschichte der Hoffnung und des Scheitern in sieben Szenen, die monumental sind und voller Anspielungen und voller Symbolik stecken. die aber doch auch eine eigen Lyrik, Komik  und Poesie zei...

Musik einfach fantastisch

Staatsorchester Braunschweig verzaubert das Theaternatur-Festival Ein Sinfonieorchester auf der Waldbühne in Benneckenstein. Kann das funktionieren, kann das überhaupt klingen? Ja, das kann und am Sonntag hat es wunderbar funktioniert und zauberhaft geklungen. Mit dem Konzert „Hexenwerke“ verzauberte das Staatsorchester Braunschweig das Publikum beim Theaternatur-Festival. Alle widrigen Umständen zum Trotz. Die bestanden einzig im Wetter. Zum Konzertbeginn waren die Temperaturen derart in den Keller gerauscht, dass das Ensemble um die wertvollen Instrumente fürchtete. Deswegen wurde das Programm umgestellt und gekürzt. Das Wetter war wohl auch für den überschaubaren Zuspruch verantwortlich. Um eine Floskel zu bemühen: Jeder, der nicht da war, hat was verpasst. Die technische Frage zuerst: Im Klangbild gab es keine Abstriche. Ganz im Gegenteil. Auf der Naturbühne unter dem Blätterdach gibt es nichts, was mitschwingt, verstärkt oder ablenkt. Es ist ein puristischer und klarer K...

Eine ziemlich genaue Studie

Liebetruth inszeniert eine beklemmende Hexenjagd Dem Status des Geheimtipps ist das Theaternatur-Festival in Benneckenstein längst entwachsen. Jetzt setzt Leiter Janek Liebetruth noch eins drauf. Mit "Hexenjagd" von Arthur Miller legt er als Regisseur eine großartige Inszenierung vor. Ihm gelingt es zum Kern der Massenhysterie vorzudringen. Wenn es so weiter geht, dann wird das Festival auf der Waldbühne bald zum Pflichttermin für zeitgenössisches Theater. Miller veröffentlichte sein Werk über eine Massenhysterie in Neuengland 1692 im Jahre 1953. Damals wütete in den USA der Ausschuss für unamerikanische Untriebe unter dem Senator Joseph McCarthy. Künstler, Intellektuelle und Gewerkschafter standen unter dem Generalverdacht, Propaganda für die kommunistische Partei zu betreiben. Viele angeklagte wanderten ins Gefängnis, selbst Größen wie Charlie Chaplin wurden aus dem Land getrieben. Mit "Hexenjagd" übte Miller deutliche Kritik an der Zeit. Die Parallele...

Rock gegen Rheuma und Selbstmitleid

Stefan Gwildis und Band bringen Kloster zum Kochen Das Rennen ist gelaufen. Zwei Stunden begeisterte Zuhörer, euphorische Fans und Klatschen als Daueraufgabe. Der Titel "Konzert des Jahres 2017" bei den Kreuzgangkonzerten geht eindeutig an Stefan Gwildis und Band. Alles, was vorher war, und alles, was noch kommen wird, muss sich wohl mit Platz zwei zufrieden geben. Angekündigt war ein Programm aus dem aktuellen Album "Alles dreht sich". Seit dem Durchbruch mit "Neues Spiel" 2003 ist dies sicherlich die ruhigste Produktion, Gwildis in Moll gewissermaßen. Wer nun befürchtet hatte, einen besinnlichen Abend im Klostergarten zu verbringen, sah sich gleich zu Anfang arglistig getäuscht. Vom ersten Takt an war Dampf auf dem Kessel und schon beim Intro führte das Publikum die Handflächen rhythmisch und hörbar zusammen.  Gwildis trägt den Stempel "Deutschlands bester Soulman". Doch das ist ein unzulässige Reduktion. Schon das Intro ist Funk im Stil ...

Pinocchio entsäuert

Collodis Kinderbuch auf der Bühne in Hall Der härteste aller Kritiker war im Auslandseinsatz. Auf dem Plan stand das Familienstück "Pinocchio" bei den Freilichtspielen in Hall. Die Inszenierung im Theaterzelt nimmt der Vorlage reichlich Moralin. Doch aus Altersgründen fällt das Urteil des härtesten aller Kritiker verhallten aus. Er fühlt sich wohl zu alt. Dabei hat Max Merker der Vorlage reichlich Schwung und einen neuen Rahmen gegeben. Entsprechend des Aufführungsortes Theaterzelt macht er aus der Geschichte einer rasante Revue. Er verpasst dem Kinderbuch noch einmal einen ordentlichen Schwung und schafft es so, Collodis Werk die stellenweise Langatmigkeit zu nehmen. Zudem macht die neue Darstellung die Älteren neugierig und den Jüngeren nimmt es etwaige Berührungsängste Dabei kann nicht nur Tina Haas als Conferencier glänzen. Selbst wenn Kinder nicht wissen, wie man dieses Amt auszufüllen,jetzt wissen sie es: Großspurig und raumgreifend und ein wenig selbstironisch, s...

Sterne verbrennen im Liebesfieber

Die Wahlverwandtschaften in Hall auf das Nötigste reduziert Goethe ist schon schwerer Tobak. Aber man kann ihn auch verdaulich gestalten. Das beweist Caroline Stolz mit ihrer Inszenierung der Bühnenfassung von Gunter Heun. Dabei kommen beide ohne Modernismen aus und schaffen doch ein Stück mit Aussagekraft. Die wichtigste Reduktion liegt in der Konzentration auf die vier Handlungsträger. Alle Randfiguren wurden entfernt und nur Eduard, Charlottte, Otto und Ottilie betreten die kreisrunde Bühne. Ist sie eine Arena, der Schauteller einer Etagere oder ein Liebeskarussel? Mehrere Deutungen sind zulässig und machen auch Sinn. Mit der Ankunft des Hauptmanns Otto (Dirk Weiler, rechts) gerät die Ordnung durcheinander. Alle Fotos: J. Weller Auf jeden Fall wirkt das reduzierte Bühnenbild von Martin Dolnik faszinierend. Er lässt das Publikum in der Innere einer Spieluhr schauen. So wird bildhaft, dass  das weitere Geschehen einer sozialen Mechanik folgt. Oder einer naturgesetzliche...