Sonntag, 25. Oktober 2015

Ein opulentes Märchen mit Musik

"Gold!" im Theater unterm Dach

Der härteste aller Kritiker war mal wieder unterwegs. Auf dem Spielplan stand "Gold!" von Leonard Evers, ein Märchen für zwei Schauspieler und zwei Musiker. Die Inszenierung von Bianca Sue Henne überzeugt mit vielen Einfällen, visueller Opulenz und dem märchenhaften Bühnenbild von Wolfgang Rauschning.

Das Libretto von Flora Verbrugge folgt dem Märchen vom Fischer und seiner Frau. Es ist eine Geschichte von Glück, Gnade, Gier und der Katastrophe, die alles wieder ins Reine bringt, einen vermeintlich natürlichen Zustand wieder herstellt. Fast alles ist wie immer, aber nur fast. Denn  neben den modernen Zutaten wie Auto und Weltreisen hat das Autorenpaaren noch zwei wichtige Ergänzungen beigesteuert.

Jakob fängt den Fisch.
Fotos: Tilmann Graner 
 Zum einen gibt es einen Perspektivwechsel. Träger der Handlung ist nicht der Fischer. Er und seine Frau sind die Eltern von Jakob. Er fängt den verzauberten Fisch und aus der Sicht des Jungens wird die Geschichte erzählt. Jakob lässt den Fisch wieder und er trägt auch die Wünsche vor, die nicht immer seine sind. Denn das bleibt, die treibende Kraft ist weiblich. Die Gier der Mutter beschwört die Katastrophe herauf. Ihr Sohn wollte einfach nur ein Paar Schuhe.

Neu sind auch die Beziehungen der Akteure. Je reicher die Familie Fischer wird, desto mehr entfremden sich Vater, Mutter und Kind. Erst sind es die großen Räume, in denen sie einsam und verloren sind, kurz vor dem Schluss geht jeder allein auf Reisen und seine eigenen Wege. Nach der Rückkehr stören sie sich an all den anderen Menschen. Da scheint es doch gut, dass sie nach dem Rücksturz in das Elend wieder zueinander finden. Ist das die neue märchenhafte Sicht? Armut schweißt die Menschen zusammen.
  
In der Anlage erinnert "Gold!" ein wenig an "Peter und der Wolf". Ein Geschichte wird vorgetragen und dazu gibt es Musik. Doch der Klang hat bei den Kompositionen von Leonard Evers eine atmosphärische Funktion. Es schält sich keine Melodie heraus, sondern die Musik soll Stimmungen verstärken und das Publikum auf das Geschehen vorbereiten. Das klappt wunderbar und auch das jugendliche Publikum übernimmt gern die Rolle als Wind oder als tosende See.

Den Darstellern verlangt diese Inszenierung einiges ab. Catriona Morison muss nicht nur singen, sondern sie spielt auch Jakob und Mutter zu gleich. Es dauert einen Augenblick, bis der härteste aller Kritiker die Gleichungen  Morison + Mütze = Jakob und Morsion - Mütze = Mütter verstanden hat.

Stefan Landes (rechts) spielt ein Solo mit Benzin-
kanister. Foto: Tilmann Graner 
Stefan Landes aus dem Loh-Orchester ist für die Bedienung des umfangreiche Schlagwerk zuständig und da gibt es einiges. Die Sprache ist einfach. Erklingen Vibraphon, Marimbaphon oder die Cymbals geht es um Wind und See und andere Naturerscheinungen. Spielt Landes die Melodika, dann ist Trauer angesagt. Immerhin das Solo mit Benzinkanister klingt nach Reggae und erinnert an den Südseezauber, bis die Stimmung wieder in den Blues kippt.

Aber Stefan Landes darf auch als Vater oder  als Chauffeur in das Geschehen eingreifen. Dabei hat der Musiker ganz offensichtlich Spaß, der sich auch auf das Publikum überträgt. Dennoch bleibt die Rollenverteilung simpel. Die Muter ist die treibende Kraft, Jakob der Erfüllungsgehilfe und der Vater nur Randfigur. Aber gut, Kindertheater verlangt einfache Identifikationsmöglichkeiten. Auch wenn das junge Publikum den Begriff Cameo sicherlich nicht kennt, aber dass sich Katharina Winter an diesem Morgen mal aus der Regieassistenz lösen darf und zur Mitspielerin, das bemerken nicht nur die Fachleute wohlwollend.

Die Inszenierung von Bianca Sue Henne verzaubert mit ihrer Opulenz, mit der Vielfalt an Einfällen, Formen und Ausdrucksmitteln. Der Wechsel von Ruhe hin zur Hektik verdeutlicht die Dramatik des Geschehen. Jakob fängt den Fisch mit einer Angel und mit einer schönen Pantomime, bei der die Kinder mitzittern. Abends liegt er unter einem Sternenhimmel und alle Kinder schauen nach oben.

Die Fischerin hat ein Auto und einen
Chauffeur. 
Als Catriona Morison barfuß über die Muschelbänke hüpft, da spürt das Publikum den Schmerz fast schon in den eigenen Gliedmaßen. Überhaupt ist sie immer in Bewegung, springt von Bühne eins zu Bühne zwei. Stillstand im Theater akzeptieren Kinder schon lange nicht mehr. Der Nachwuchs kommt auch mit den Wechsel der Mittel klar, denn gerade die Projektionen auf das Segel des Fischerboots finden den Gefallen des härtesten aller Kritiker.

Auch der Umgang mit den Requisiten ist kindlich leicht. Ein Stock wird zur Angel, ein Reifen zum Lenkrad und einiges existiert nur in der gemeinsamen Vorstellung. Das Spiel mit der Fantasie ist fester Bestandteil der Inszenierung und genau das wollen Kinder.

Richti gelesen, die Bühne ist zweigeteilt und ganz anders als sonst. Dort wo im Theater unter Theater sonst gespielt wird, sitzt nun das Publikum im großen Rund und Catriona Morison und Stefan Landes müssen sich auf ein Podest beschränken. Dort wo im Theater unterm Dach sonst das Publikum sitzt, hat Wolfgang Rauschning eine Dünenlandschaft samt Fischerboot entstehen lassen. Beim Anblick träumt sich das Publikum an ferne Gestade hinwegund bleibt doch mitten im Geschehen. Hier ist Rauschning großes auf kleinsten Raum gelungen.

Der Raum dazwischen dient mal als trennendes Wasser, mal ist er zusätzliche Spielfläche. Doch der sichere Hafen ist für die Darsteller nur das kleine Podest im großen Rund des Publikums.

Eine Frage bleibt ungeklärt: Warum heißt das Stück Gold!, wenn das Edelmetall doch keine Rolle spielte? Vielleicht kennt ja eine Leserin, ein Leser die Antwort.

Das Stück
Die Regisseurin

Der Spielplan

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