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Die Geschichte nicht einfach nur weiter erzählt

Comedian Harmonists zum Auftakt der Gandersheimer Domfestspiele

Nach dem Pre-Opening und dem Soft Opening kam nun das Grand Opening. Mit "Comedian Harmonist Teil 2 -Jetzt oder nie" eröffneten am Freitag die Gandersheimer Domfestspiele. Die Inszenierung von Sandra Wissmann erzählt die Geschichte aus der Spielzeit 2015 nicht einfach nur weiter. Sie setzt neue Akzente und weist deutlich über das Dargestellte hinaus.

Für die gelungene Aufführung und die großartigen Leistungen der sieben Darsteller gab es den verdienten Applaus. Erst nach drei Zugaben entließ das Publikum die Darsteller zur Premierenfeier.

Nicht nur weiter erzählt sondern weiterentwickelt. Wie das? Teil 1 bei den Domfestspielen 2015 ließ die Zuhörer im Unklaren, ob es sich eher um Musiktheater oder um ein Konzert mit Zwischentexten handelt. Die Frage kann man an 2017 klar beantworten. Es ist ein Drama, in dem Musik eine große Rolle spielt. Sandra Wissmann legt das Primat eindeutig auf die Darstellung, auf's Erzählerische. Das Unterhaltende muss zurücktreten. Die Instrumentierung ist auf ein E-Piano beschränkt.

Harry Frommermann (rechts) ist gefangen in seinen 

Erinnerungen. Alle Fotos: Hillebrecht
Ausgangspunkt ist der Endpunkt des ersten Teils. Im Herbst trennt sich die erste Boygroup der Welt auf Anweisung der Reichsmusikkammer. Den drei "Ariern" im Ensemble wird verboten, weiterhin mit den drei "Nichtariern" aufzutreten. Collin, Frommermann und Cycowski verlieren ihre Heimat und fliehen mit ihren Frauen nach Österreich. Aber es wirkt immer, was würden sie eine zersprungene Vase nur immer wieder neu kitten.

Wissmann stellt die Frage: "Was geschah danach und was macht solch eine Zäsur aus den Menschen?" Man einig sich, in getrennten Gruppen weiter zu machen. Die "Arier" gründen das Meistersextett und tingeln druch die KdF-Heime, die Exilanten feiern unter dem Namen Comedy Harmonists Erfolge in ganz Europa und dem Rest der Welt. Bis sie der Krieg einholt.

Erste Überraschung: Die "Arier" sind die ersten Verlierer . Die Spannungen in der Gruppe werden immer deutlich und als der Pianist Erich Bootz aussteigt, sind die Meistersinger am Ende. Damit zerbricht der Traum endgültig.

Erzählt wird die Geschichte auf drei Bühnen und zwei Zeitebenen. In der Rolle des alten Harry Frommermann steigt Stephan Ullrich in die Grube seiner Erinnerungen. Umgeben von Tonbändern will er sein Lebenswerk vollenden. Er führt das Publikum in das Geschehen vierzig Jahre zuvor ein.
Anfangs sieht es so aus, als ob es fröhlich
weitergehen kann.

Auf den drei Kleinbühnen erzählt Sandra Wissmann das Geschehen in kleinen und auch größeren Episoden, immer in Gegenüberstellung von Meistersingern und Comedy Harmonists. Die Musik bietet dabei immer den Einstieg in das Geschehen, sie ist, anders als 2015, nicht mehr Träger der Handlung.

Das Bühnenbild von Britta Tönne ist gelungen und einleuchtend. Sie bietet dem Publikum drei Schaukästen in zerstörte Biografien.

Beherrscht wird die Inszenierung vom Wettstreit der Protagonisten Harry Frommermann jung und Robert "Bob" Biberti. Eifersüchtig beäugt man sich au der Ferne. Höhepunkt ist das Aufeinandertreffen beim späteren RIAS. Verweigert Major Frommermann dem Kandiadten Biberti den Aufstieg beim amerikanischen Sender aus Überzeugung oder aus Rache? Beides scheint möglich.

Mit Philipp Nowicki und Dominik Müller sind die beiden Rollen wunderbar passend besetzt. Gerade Müller kann in den Gesangspartien mit einem wunderbar weichen Bass überzeugen. Aber auch ansonsten glänzt die Aufführung mit sieben Darstellern

Manchen bleibt zum Schluß nur Tingetangel.
Alle Fotos: Hillebrecht
Überhaupt ist es erstaunlich, mit welcher Präzision alle Schauspieler die anspruchsvollen Songs meistern. Da scheint nicht nur das Publikum sondern auch die Darsteller sehr viel Spaß an der Musik der Comedia Harmonists zu haben.

Den stärksten Eindruck hinterlässt aber Stephan Ullrich in der Rolle des alten Harry Frommermann. Seine Gestik und seine Sprache machen die Ambivalenz zwischen resigniert und in der Erinnerungen gefangen einerseits und von einer großen Aufgabe beseelt deutlich. Diesem Harry Frommermann ging es wie vielen Exilanten, die nach Deutschland zurückkehrten: Wieder in der Heimat wurden sie nie mehr heimisch.

Auch in der Musik findet er kein Zuhause mehr. Dieses Schicksal teilt er mit Ari Leschnikoff, der später mit Zigeuner-Gruppe durch die Varietes tingelte. Wenn David Schuler in dieser Rolle nicht so sehr den Osteuropäer herauskehr, dann wirkt er sogar noch besser.

Comedian Harmonists 2 erzählt die Geschichte nicht nur weiter, sondern geht auch darüber hinaus, weil die Inszenierung aufzeigt, wie Menschen mit solchen Zäsuren klar kommen, wie sie nach der Katastrophe in eine sonstwie geartete Form der Normalität zurückkehren und warum manchen diese Rückkehr verwehrt bleibt. Damit bietet Sandra Wissmann nicht nur Unterhaltung sonder auch jede menge Nachdenk-Futter.






Gandersheimer Domfestspiele #1: Der Spielplan
Gandersheimer Domfestspiele #2: Das Stück

Comedian Harmonist #1: Der wikipedia-Eintrag

Harzer Kritiker #1: Comedian Harmonists 2015


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