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Schiller mit Leichtigkeit

Kabale und Liebe bei den Domfestspielen

Es war schon so etwas wie eine Feuerprobe. Mit Schillers "Kabale und Liebe" legte Achim Lenz als neuer Intendant der Domfestspiele am Freitag seine erste Inszenierung vor. Probe bestanden, Lenz kann auch ernstes Fach. Neben der werkimmanenten Dramatik bekommt seine Version dennoch eine unerwartete Leichtigkeit.

Diese Tragödie ist ein Clash of Cultures. Hier die unbeschwerte Jugendlichkeit des Liebespaar Luise Miller und Ferdinand von Walter. Dort das erstarrte Günstlingssystem des Feudalismus, personifiziert im Präsident von Walter.

Doch bevor das Intrigenspiel losgeht, sorgt die Bühne für Aufmerksamkeitsmomente auf einer Fläche von 6 mal 6 Meter bildet die Großaufnahme einer korrodierten Oberfläche den Hintergrund. Darin ist ein Tür eingelassen. Die Assoziation verrostet = verrottet ist augenscheinlich.

Schon im Sturm und Drang waren Eltern gelegentlich
mit 
ihren Kindern überfordert. Fotos: Hillebrecht
Die Bildfläche wird auf dem Boden gespiegelt. Das ist die Spielfläche, nicht mehr und nicht weniger. Alles was passieren wird, passiert auf diesem knappen Areal, das kaum größer ist als ein Boxring. Begrenzt ist der Aktionsraum durch jeweils zwei Scheinwerferstative rechts und links.

Mit diesem Bühnenbild ist Sandra Becker und Achim Lenz etwas Großartiges gelungen. Sie beenden die Uferlosigkeit der Freilichtbühne und schaffen einen engen, geradezu intimen und aufgeladenen Raum. Zwangsläufig fokussiert sich das Publikum auf das Geschehen.

Der Regisseur Achim Lenz hat so aus dem großen Drama quasi ein intensives Kammerspiel geschaffen. Dies liegt durchaus in der Logik der Vorlage. Egal, um welche Szene es geht, sie spielen alle in geschlossenen Räumen. Zudem ist das behütete Heim die wichtigste Rückzugstätte des Bürgers, dessen Nimbus hier aber immer wieder verletzt wird. Die Gewalt des Potentaten und seiner Handlanger durchdringen alles. Diese Aussage dürfte durchaus im Sinne Schillers sein. Ach ja, und die Namensverwandtschaft zur Kamarilla, die spielt auch eine Rolle.

Un die Enge des Raums steigert die Dramatik der Handlung. Die Protagonisten sind einander ausgeliefert. Es gibt keinen Fluchtweg, keinen Rückzugsort, der Konflikt muss ausgetragen werden. Das erzeugt eine Körperlichkeit, die diese Aufführung bei ihrer Sprachlastigkeit eine zusätzliche Spannung verleiht. Gäbe es zudem noch mehr stille Momente, in der die beeindruckenden Bilder und die Darsteller einfach wirken könnten, dann wäre der Zustand der wunschlosen Glückseligkeit erreicht, zumindest für zwei Stunden.

Stephan Ullrich (vorne) hat als Präsident von Walter
alles im Griff. Fotos: Hillebrecht
Kabale und Liebe ist ein Clash of Cultures und es ist vor allem der Kampf eines Dreigestirn. Auf der einen Seite verkörpern Michael Sikorski und Kristin Scheinhütte als Ferdinand und Luise pure Liebe und Jugendlichkeit. Schon in der Eingangsszene verpassen sie dem gelegentlich zähen und überbordenden Schiller eine ungewohnte Leichtigkeit.

Wie schon in der Kleinen Hexe bilden die beiden ein ein Traumpaar, dass sich wunderbar ergänzt. Es macht einfach Spaß, den beiden zuzuschauen und sie hinterlassen bleibende Momente. Sie tollen und toben verleibt über die Bühne, wie es sonst nur hormongesteuerte Teenager können. Diese Liebesglück wirkt ansteckend.

Als das Lustspiel in einer Trauerspiel umschlägt, kann vor allem Sikorski seine Stärken ausspielen. Er wirkt stark und bestimmend, wo er stark sein muss und schafft doch den Sprung ins Bedauern. Er beherrscht die ganze Palette von verliebt säuseln über drohen am Rand des Brüllens bis zum bissigen Ton des überzeugten Selbstmörders. Wunderbar arbeitet er heraus, wie enttäuschte Liebe in Zorn und Aggressivität umschlägt. Schiller hätt's wohl gefallen. Soviel Sturm und Dranag war selten vor der Stiftskirche.

Doch die Höhepunkte setzt ein anderer. Um mal eine antiquierte Formulierung zu gebrauchen: Dieser Abend ist der Abend von Stephan Ullrich in der Rolle des Präsidenten von Walter. Mehr Intrigant geht nicht und auf der J.-R.-Ewing-Skala erreicht er 11 von 10 Punkten. Ihn als fiese Möpp zu bezeichnen, das wäre eindeutig ein Kompliment.

Dabei verzichtet Ullrich auf die  überbordenden Gesten und große Worte. Sein Spiel wirkt angesichts der Rolle eher reduziert und zurückhaltend, doch genau damit überzeugt er. So wird das Treiben des Hintertreibers umso perfider. Ihn treibt nicht die Verzweiflung sondern hartes Kalkül. Unterstützt wird diese Aussage durch sein Technokraten-Outfit.

Ullrich setzt jedes Wort präzise und passend. Sprache wird hier zu einer messerscharfen Waffe. Die Körperhaltung ist selbstbewusst und ohne Pathos und die Handgriffe auf das Nötigste beschränkt.

Ferdinand und Lady Milford werden bestimmt keine
Freunde mehr.  
Damit zieht er in das politische Ränkespiel noch eine deutliche Vater-Sohn-Ebene ein.  Weimarer Klassik wird so mit griechischer Tragik ergänzt.

Es mag sicherlich schwer sein, im Schatten dieser Drei in dieser Inszenierung noch Akzente zu setzen. Dieses gelingt vor allem Felicitas Heyerick in der Rolle der Lady Milford, die sowohl Verzweiflung als auch neidische Eifersucht bestens vermitteln kann.

Jan Kämmerer gelingt in dieser Aufführung wohl der größte Momente. Als Vater Miller vermittelt erst den duckmäuserischen Konformisten hart an der Grenze zu Clown, um im Moment der höchsten Gefahr Löwenkräfte zu entwickeln um die Brut zu schützen. Schade, dass er scheitern muss. Allein dafür hätte man ihm Erfolg gewohnt, aber die Vorlage gibt es nun mal nicht her.

Die reduzierte Bühne erzeugt keine großen Bilder, aber eben eindringliche. Nicht alle davon sind verständlich wie der Tanz des Sekretär Wurm auf den Tischen oder Milfords Versuch, das Liebespaar im wahrsten Sinne des Wortes zu zerreißen. Aber Lenz Inszenierung dieses Monumentes überrascht mit ihrer Leichtigkeit und das Gesamtpaket aus Klang, Bühne, Kostümierung und starken Darstellern begeistert.        



Domfestspiele #1: Der Spielplan
Domfestspiele #2: Das Stück

Besserwisser #1: Das Werk
Besserwisser #2: Die Kamarilla




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