Freitag, 12. August 2016

Im Wald da sind die Tänzer

Ballettgala beim TheaterNatur-Festival weiß zu gefallen

Natürlich geht zu einem Festival der darstellenden Künste auch der Tanz. Mit der Ballettgala "Wild|Wald|Tanz" bot das TheaterNatur-Festival einen Überblick über aktuelles Tanztheater, der sowohl insgesamt als auch in den Einzelteilen zu gefallen wusste.

Doch den Versprechungen des Titels wurde die Gala nicht ganz gerecht. Es gab mehr Wald als Wild in dieser doch eher meditativen Schau. Es war mehr Romantik als Exotik, aber das muss ja kein Fehler sein. Immerhin reihte sich die Gala problemlos unter das Oberthema #ImDickichtdesWaldes ein.

Zum Auftakt gab es viel Tutu, Spitze,
Hacke, 1, 2, 3.   Alle Fotos: Tok
Die elf Choreographien drehten sich um Thema aus der Natur. Darunter waren immerhin zwei Uraufführungen. Dies spricht für den hohen Stellenwert, den das Festival schon jetzt genießt. Und natürlich auch das internationale Ensemble mit tänzerinnen und Tänzern aus Deutschland, den Niederlanden, Italien, Spanien und Russland.

Die Mischung aus klassischem Ballett und aktuellen Tanztheater und Modern Dance gab dem Nicht-Fachpublikum die Gelegenheit, sich von dieser Muse wach küssen zu lassen oder auch verzaubern zu lassen. Diese Mischung gab der Compagnie auch die Möglichkeit, sich in allen Sparten des Bühnentanzes zu profilieren.

Wer fällt einem zum Thema Ballett zuerst ein? Richtig, Tschaikowsky. Nein, es gab nicht den Schwanensee, sondern eine Choreographie von Marius Petipa zum Blauen Vogel aus Dornröschen. Nirgends ist das Dickicht dichter als bei Dornröschen. Doch Marta Navasardyan und Zachary Rogers strahlen die Leichtigkeit aus, die ein Vogel braucht, um abzuheben.

Mit viel Spitze und Tutu und viel Romantik wandelt die recht narrative Choreographie anfangs auf traditionellen Pfaden. Sie erzählt mit bewährten Mitteln die Geschichte des Vogel, mit dem die Prinzessin zumindest im Gedanken auf die Reise geht und sich aus dem Dickicht des Hofstaates emporhebt. Dementsprechend wird der zweite Teil auch von Hebefiguren dominiert. Zeitweilig wirkt die Choreographie damit wie Etüden für Balletteleven. Sie will verzaubern und genau das gelingt ihr auch. Ziel erreicht.

Den Kontrast bietet Thuja. Das Stück von Lukas Timulak aus Den Haag ist eine von beiden Uraufführungen in diesem Programm. Introvertiert ist wohl das passende Stichwort für die erste Hälfte. Mit dem Rücken zum Publikum windet sich Valentina Scaglia zur Musik von Saskia Langhoorn.

Mancher braucht zum Anfang eine
Schnupperphase.
Das Kostüm lässt kein Rückschluss auf das Geschlecht der dargestellten Person. Mit einer akrobatischen Glanzleistung schaut Scaglia dann das Publikum durch die eigenen Beine an, macht schleift ihren Kopf über den Tanzboden, dass man selbst den Schmerz in den eigenen Halswirbeln spürt und gibt der bis dahin performativen Choreographie schlagartig eine andere Richtung.

Jetzt erzählt sie mir raumgreifenden Schritten von der Einsamkeit, vom Suchen und Nicht-Finden. Der schnelle aber logische Wandel beeindruckt und bleibt im Gedächtnis. Doch die Geschichte bleibt ohne Happy End und Valentina Scaglia allein.

Innaturale, die zweite Uraufführung in diesem Programm, verlässt den meditativen Raum. Chiara Annunziato hat eine Folge entwickelt, die eher vom Tempo denn von Introvertiertheit bestimmt ist. Zum Electro-Sound von Muse tanzen die Choreografin selbst und David Horn die Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Streitigkeiten eines Paares. Sie führen sich, sie finden zueinander, sie stützen sich, aber sie stoßen sich auch. Überraschend ist der Einfalt, diese Bewegungen und dieses Verhalten im zweiten Teil  von Marta Navasardyan und Zachary Rogers widerspiegeln zu lassen. Paar eins kann nun zur Seite treten, sich selbst beobachten und eben reflektieren.

Um Paarfindung geht es auch im achtminütigen Ausschnitt aus Distorted Seasons. Hier verläuft die Paarfindung aber positiv. Aus zwei Solisten werden nach der Schnupperphase ein Team. Die Choreographie von Jorge Garcia Perez überzeugt mit vielen witzigen und selbstironischen Einfällen. Dazu gehört sicherlich die "Schnupperphase".

Adagietto, eine intime Paarbeziehung.
Paarbeziehung ist auch das Thema von Oscar Araiz in seiner Choreographie zum Adagietto von Gustav Mahler. Doch hier geht es zurück in die Innerlichkeit. Es geht vor allem um den Schutz, den zwei Menschen einander bieten können. Immer wieder geht Zaloa Fabbrini in die Embryo-Haltung , bildet ihren eigen Kokon. Doch Zhani Lukay trägt sie und schafft so die Basis für die gelegentlichen Höhenflüge. Es ist eine Geschichte von Liebe und von berührender Intimität, die das Publikum anrührt.

Aus Wettergründen wurde die Aufführung von der Waldbühne in die Tennishalle verlegt. Das bedeutet aber Gewinn. Der Abstand zwischen Zuschauern und Tänzern reduziert sich auf ein Mindestmaß. Es entsteht eine ungewohnte Intimität. Die Akteure sind sehr nah. Man hört ihr Atmen deutlich, man hört die Schritte auf dem Tanzboden und sieht die Markierungen dort. Die Aufführung erhält so Workshop-Charakter, man sieht den Künstlerinnen und Künstlern bei der Arbeit zu. Studio-Theater gibt es häufig, Studio-Ballett leider viel zu selten.  Somit wird aus dem vermeintlichen Problem ein deutlicher Gewinn. Es wäre wünschenswert, auch 2017 ein ähnliches Erlebnis zu haben.



Das TheaterNatur-Festival 2016

Die Ballettgala Wild|Wald|Tanz